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Neumarkter Tagblatt, 10. Januar 2011

Platz für Formen von Leben und Tod
In dem zur Kunsthalle umgebauten alten Sachs-Bad darf Franz Pröbster zeigen, dass er neben »Sein und Zeit« auch den Raum beherrscht.

von Lothar Röhrl
FORCHHEIM/SCHWEINFURT. Hype um Kugellager sei Dank: Die Stadt Schweinfurt hatte den Mut, einen Ausstellungsort zu schaffen, der kaum wie ein anderer in Bayern zeitgenössischen Künstlern den Zugang ebnet. Weil der aus Forchheim bei Freystadt stammende Künstler Franz Pröbster Kunzel schon seit Anfang der 90er-Jahre immer wieder in Schweinfurt viel Aufmerksamkeit genießen durfte, war dies logisch: Knapp eineinhalb Jahre nach dem Umbau des ehemaligen Sachs-Bades in eine moderne und räumlich großzügige Kunsthalle stellt der »Kunzel« seit 15. Oktober dort aus.

Kurz vor dem Ende dieser Schau macht das Neumarkter Tagblatt heute Lust auf einen Besuch dieser Ausstellung
– und vor allem auf die Finissage am 23. Januar. »Sein und Zeit« lautet der Titel – in Schweinfurt sollte auch der Zusatz »… und Raum« dazu genommen werden. Mit einem Gespür für eine gelingende Symbiose zwischen Kunstwerken und deren Präsentation haben »Kunsthalle«-Macherin Andrea Brandl und Franz Pröbster Kunzel den schönsten aller Ausstellungsräume »bepflanzt«. Hier wuchert nichts den Blick des Betrachters zu. Hier fordert alles im Ganzen und im Detail zu Stellungs-, Betrachtungs- und vor allem Standpunkt-Wechseln heraus. Eine Expedition ins Reich des Seh-Sinns.

Ode an den Kreislauf des Lebens
Dezentes Deckenlicht von oben, Tageslicht der (naturgemäß) unterschiedlich ausfallenden Lux-Zahlen von der Seite (weil von Außen) und nicht zuletzt innere Stimmungslagen lassen den Zugang zu dieser Schau unterschiedlich genießbar und somit erfolgreich werden. Dass Franz Pröbster Kunzel dem Werden, Sein und Vergehen jeder Form von Leben sein Lebenswerk widmet, sollte man schon wissen, wenn man sich den Projekten dieser Schau widmet. Der konzeptionell hervorragende Ausstellungskatalog nähert sich dieser Kunzel‘schen Ideologie als Erklärung. Aber auch ohne Vorwissen macht Vieles dieser Schau darauf neugierig. Die Antworten fallen – notfalls auch mithilfe des sehr freundlichen Ausstellungspersonals – nicht schwer. Dass der Kunzel einerseits Sammler ist, andererseits Umformer all dessen, was Natur an Wachsen und Werden sowie Vergehen bietet, zeigt sich im Blick aus der Totale und erst recht beim Nähertreten. Ob geschälte Apfelzweige, zu Kreisen verflochtene jungen Weidentriebe oder den der Austrocknung preis gegebenen Moosen: Der »Kunzel« gibt in dieser Ausstellung der Natur künstlerisch geprägter Veränderung ihren Lauf. Austrocknung spielt etwa bei seinen »Pixel«- Bildern eine Rolle: Je trockener die Raum-Luft, desto locker-beweglicher werden die in mühsamer Puzzle-Arbeit gesteckten, unterschiedlich langen Äste-Schnippsel. Wehe, ein Wasserbad motiviert bald die scheinbar tote Materie zumAufquillen… Generell zeigt der Kunzel: Nichts ist tot. Auch Steine nicht. Mithilfe seiner fast autistisch anmutenden Lust, Zeit in Fünf-Striche-Abschnitte je nach Tage, Monate oder »Was-ahnt-schon-der Betrachter«-Abschnitten einzuteilen, macht der »Kunzel« Zeit auch dank unvergänglich anmutendem Gesteins sichtbar. Dabei sind die Schiefer-Platten, auf denen er in Strichen Zeitabschnitte einteilt, selbst Veränderungen
unterworfen.

Mehr als nur »Gießen«
Denn für den „Zahn der Zeit“, der an Dingen nagt, sorgt nicht nur der geübte Messerschnitt eines Künstlers wie Franz Pröbster Kunzel, sondern auch Frost, Sonne, Regen und chemischphysikalische Grundgesetze. Was aufbricht, zerfällt, vergilbt oder zerbröckelt, ist Ursprung neuer Formen oder/und neuen Lebens. Eine kleine Eiche, die dank guten Gießens jetzt schon vier Blätter hat, ist bestes Beispiel dafür. Sie wächst auf einer Installation inmitten von Moosen, die trotz der Platzierung auf alten Eisenplatten soviel Chance auf neues Entfalten enthalten. Als Mensch sollte man halt gelegentlich auch etwas für das Gedeihen

der Schöpfung tun. Das macht der »Kunzel« den Besuchern deutlich. Und wenn es sich bei diesem Dazu-Tun nur um ein paar Spritzer aus einer Gießkanne handelt. Alle wesentlichen Formen von Leben und Tod gepaart mit »Sein und Zeit« zeigt der »Kunzel« auch in Schweinfurt. Damit nimmt er Ängste, damit nährt er Zuversicht und er stärkt Engagement. Wie sehr er damit Menschen anspricht, zeigen Notizen im »Kunsthalle«-Gästebuch.